Klassische Information
Wie in der vorherigen Lektion beginnen wir auch hier mit einer Betrachtung klassischer Information. Wieder einmal sind die probabilistische und die quantenmechanische Beschreibung mathematisch ähnlich, und es ist hilfreich zu verstehen, wie die Mathematik im vertrauten Rahmen der klassischen Information funktioniert – das erleichtert das Verständnis, warum Quanteninformation so beschrieben wird, wie sie beschrieben wird.
Klassische Zustände über das kartesische Produkt
Wir beginnen auf einem sehr grundlegenden Niveau: mit klassischen Zuständen mehrerer Systeme. Der Einfachheit halber betrachten wir zunächst nur zwei Systeme und verallgemeinern anschließend auf mehr als zwei Systeme.
Genauer gesagt sei ein System mit der klassischen Zustandsmenge und ein zweites System mit der klassischen Zustandsmenge Da wir diese Mengen als klassische Zustandsmengen bezeichnen, setzen wir voraus, dass und beide endlich und nichtleer sind. Es kann sein, dass gilt, muss aber nicht — unabhängig davon ist es sinnvoll, für diese Mengen unterschiedliche Namen zu verwenden, um die Klarheit zu wahren.
Stellen wir uns nun vor, dass die beiden Systeme und nebeneinander platziert sind, mit links und rechts. Wenn wir möchten, können wir diese zwei Systeme so betrachten, als bildeten sie ein einziges System, das wir je nach Vorliebe mit oder bezeichnen können. Eine naheliegende Frage zu diesem Verbundsystem lautet: „Was sind seine klassischen Zustände?"
Die Antwort ist, dass die klassische Zustandsmenge von das kartesische Produkt von und ist, also die Menge
Das kartesische Produkt ist genau das mathematische Konzept, das die Idee erfasst, ein Element einer Menge und ein Element einer zweiten Menge zusammen zu betrachten, als bildeten sie ein einzelnes Element einer einzigen Menge. Im vorliegenden Fall bedeutet „ befindet sich im klassischen Zustand ", dass im klassischen Zustand und im klassischen Zustand ist; und wenn der klassische Zustand von gleich und der klassische Zustand von gleich ist, dann ist der klassische Zustand des gemeinsamen Systems gleich
Bei mehr als zwei Systemen lässt sich die Situation auf natürliche Weise verallgemeinern. Wenn Systeme mit klassischen Zustandsmengen sind, dann ist die klassische Zustandsmenge des -Tupels aufgefasst als ein gemeinsames System, das kartesische Produkt
Natürlich können wir die Systeme beliebig benennen und beliebig anordnen. Wenn wir beispielsweise Systeme wie oben haben, könnten wir sie stattdessen nennen und von rechts nach links anordnen, sodass das gemeinsame System zu wird. Mit demselben Benennungsmuster für die zugehörigen klassischen Zustände und Zustandsmengen würden wir dann auf einen klassischen Zustand
dieses Verbundsystems verweisen. Dies ist die Konvention, die Qiskit bei der Benennung mehrerer Qubits verwendet. Wir werden in der nächsten Lektion auf diese Konvention und ihren Zusammenhang mit Quantum Circuits zurückkommen, fangen aber schon jetzt damit an, um uns daran zu gewöhnen.
Es ist oft praktisch, einen klassischen Zustand der Form als String zu schreiben, besonders in der typischen Situation, dass die klassischen Zustandsmengen mit Mengen von Symbolen oder Zeichen assoziiert sind. In diesem Kontext wird der Begriff Alphabet häufig für Mengen von Symbolen verwendet, aus denen Strings gebildet werden — die mathematische Definition eines Alphabets ist jedoch genau dieselbe wie die einer klassischen Zustandsmenge: Es ist eine endliche und nichtleere Menge.
Angenommen zum Beispiel, sind Bits, sodass die klassischen Zustandsmengen all dieser Systeme gleich sind.
Das gemeinsame System hat dann klassische Zustände, nämlich die Elemente der Menge
Als Strings geschrieben sehen diese klassischen Zustände so aus:
Beim klassischen Zustand beispielsweise sehen wir, dass und im Zustand sind, während alle anderen Systeme im Zustand sind.
Probabilistische Zustände
Aus der vorherigen Lektion wissen wir, dass ein probabilistischer Zustand jedem klassischen Zustand eines Systems eine Wahrscheinlichkeit zuweist. Dementsprechend weist ein probabilistischer Zustand mehrerer Systeme — kollektiv als ein System betrachtet — jedem Element des kartesischen Produkts der klassischen Zustandsmengen der einzelnen Systeme eine Wahrscheinlichkeit zu.
Angenommen zum Beispiel, und sind beide Bits, sodass ihre klassischen Zustandsmengen und sind. Hier ist ein probabilistischer Zustand des Paares
Bei diesem probabilistischen Zustand sind und beide zufällige Bits — jedes ist mit Wahrscheinlichkeit gleich und mit Wahrscheinlichkeit gleich — aber die klassischen Zustände der beiden Bits stimmen immer überein. Dies ist ein Beispiel für eine Korrelation zwischen diesen Systemen.
Anordnung kartesischer Produktzustandsmengen
Probabilistische Zustände von Systemen lassen sich durch Wahrscheinlichkeitsvektoren darstellen, wie in der vorherigen Lektion besprochen. Dabei stehen die Einträge des Vektors für die Wahrscheinlichkeiten, dass sich das System in den jeweiligen klassischen Zuständen befindet, und es wird eine Zuordnung zwischen den Einträgen und den klassischen Zuständen festgelegt.
Diese Zuordnung zu wählen bedeutet effektiv, eine Reihenfolge der klassischen Zustände festzulegen, die oft natürlich oder durch eine Standardkonvention vorgegeben ist. Das binäre Alphabet ist zum Beispiel von Natur aus so geordnet, dass an erster und an zweiter Stelle steht. Daher ist der erste Eintrag eines Wahrscheinlichkeitsvektors für ein Bit die Wahrscheinlichkeit für den Zustand und der zweite Eintrag die Wahrscheinlichkeit für den Zustand
Im Kontext mehrerer Systeme ändert sich daran nichts grundlegend, aber es gibt eine Entscheidung zu treffen. Die klassische Zustandsmenge mehrerer Systeme zusammen, als ein System betrachtet, ist das kartesische Produkt der klassischen Zustandsmengen der einzelnen Systeme — daher müssen wir festlegen, wie die Elemente der kartesischen Produkte klassischer Zustandsmengen geordnet werden sollen.
Wir folgen einer einfachen Konvention: Wir beginnen mit den bereits vorhandenen Ordnungen der einzelnen klassischen Zustandsmengen und ordnen die Elemente des kartesischen Produkts dann alphabetisch. Anders ausgedrückt: Die Einträge in jedem -Tupel (beziehungsweise die Symbole in jedem String) werden so behandelt, als ob ihre Bedeutung von links nach rechts abnimmt. Gemäß dieser Konvention wird das kartesische Produkt beispielsweise so geordnet:
Wenn -Tupel als Strings geschrieben und so geordnet werden, erkennen wir vertraute Muster: So wird als angeordnet, und die Menge ist so geordnet, wie sie früher in dieser Lektion dargestellt wurde. Als weiteres Beispiel ergibt die Menge als Strings betrachtet, die zweistelligen Zahlen bis in numerischer Reihenfolge. Das ist kein Zufall: Unser Dezimalsystem verwendet genau diese alphabetische Sortierung, wobei das Wort alphabetisch im weiteren Sinne zu verstehen ist und neben Buchstaben auch Ziffern umfasst.
Zurück zum obigen Beispiel mit zwei Bits: Der dort beschriebene probabilistische Zustand wird daher durch folgenden Wahrscheinlichkeitsvektor dargestellt, wobei die Einträge zur besseren Übersichtlichkeit explizit beschriftet sind.
Unabhängigkeit zweier Systeme
Eine besondere Art von probabilistischem Zustand zweier Systeme ist derjenige, bei dem die Systeme unabhängig sind. Intuitiv sind zwei Systeme unabhängig, wenn das Wissen über den klassischen Zustand eines Systems die Wahrscheinlichkeiten des anderen Systems nicht beeinflusst. Anders gesagt: Der Zustand des einen Systems liefert keinerlei Information über den Zustand des anderen.
Um diesen Begriff präzise zu definieren, seien und Systeme mit klassischen Zustandsmengen und Bezüglich eines gegebenen probabilistischen Zustands dieser Systeme heißen sie unabhängig, wenn gilt:
für jede Wahl von und
Um diese Bedingung in Wahrscheinlichkeitsvektoren auszudrücken, nehmen wir an, dass der gegebene probabilistische Zustand von durch einen Wahrscheinlichkeitsvektor in Dirac-Notation beschrieben wird:
Die Bedingung für Unabhängigkeit ist dann äquivalent zur Existenz zweier Wahrscheinlichkeitsvektoren
die die Wahrscheinlichkeiten der klassischen Zustände von bzw. darstellen, sodass
für alle und gilt.
Der probabilistische Zustand eines Bit-Paares , dargestellt durch den Vektor
ist zum Beispiel einer, bei dem und unabhängig sind. Die Unabhängigkeitsbedingung ist nämlich für die Wahrscheinlichkeitsvektoren
erfüllt. Um zum Beispiel die Wahrscheinlichkeiten für den Zustand zu überprüfen: Wir benötigen und das stimmt tatsächlich. Die anderen Einträge können auf ähnliche Weise überprüft werden.
Der probabilistische Zustand den wir auch als
schreiben können, stellt hingegen keine Unabhängigkeit zwischen den Systemen und dar. Das lässt sich wie folgt einfach einsehen.
Angenommen, es gäbe Wahrscheinlichkeitsvektoren und wie in Gleichung , für die Bedingung für jede Wahl von und erfüllt ist. Dann müsste gelten:
Das bedeutet, dass entweder oder gilt, denn wenn beide von null verschieden w ären, wäre auch das Produkt von null verschieden. Daraus folgt, dass entweder (falls ) oder (falls ) gilt. Wir sehen jedoch, dass keine dieser Gleichheiten wahr sein kann, da wir und haben müssen. Es gibt also keine Vektoren